Wie Benjamin Alard das Werk präsentiert

Das Capriccio sopra la lontananza del fratello dilettissimo ist eine der erstaunlichsten Kompositionen des jungen Johann Sebastian Bach. Ich stelle Ihnen meine ganz persönliche Vision dieses leuchtenden, gefühlvollen Werks vor – in einer neuartigen Interpretation auf der Orgel! 

Die Entstehungsgeschichte des Capriccio

Capriccio sopra la lontananza del fratello dilettissimo

Das Capriccio BWV 992 992 ist ein programmatisches Werk, das die verschiedenen Situationen rund um die Abreise von Bachs geliebtem Bruder Johann Jakob thematisiert. Es steht in B-Dur, ist für Tasteninstrument mit oder ohne Pedal gedacht und entstand wahrscheinlich gegen 1704 in Ohrdruf, als Bach etwa 19 Jahre alt war. Das  Originalmanuskript  wird in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt. 

EPISODE 1, Eine Geschichte wird erzählt

1. Arioso, Adagio

Seine Freunde versuchen, ihn von der Reise abzuhalten.

Die erste Episode anhören

Als Vorbild für das Capriccio gelten die biblischen Sonaten von Johann Kuhnau (1660-1722). dem Vorgänger Bachs an der Leipziger Thomaskirche. Im Jahr 1700 gab er Sechs biblische Sonaten (Musicalische Vorstellung einiger Biblischer Historien) heraus, wovon übrigens eine die (CD-Box mit dem Titel „Der junge Erbe“) in die box set “The Young Heir”, theaufgenommen wurde, die den ersten Teil meiner Gesamtaufnahme von J. S. Bachs Werken für Tasteninstrumente darstellt.

Der Titel Capriccio (Laune), den der junge J. S. Bach dem Werk gab, lässt an Girolamo Frescobaldi, Johann Jakob Froberger und Franҫois Roberday denken, die diese Bezeichnung für eine zuweilen fugierte, in freier Form gehaltene Komposition benutzten. Bach versah den Notentext mit deutschen Titeln (die jedoch nicht – wie bei Kuhnau – biblischer Art sind): Sie beschreiben die verschiedenen Wendungen in der Geschichte über die schmerzliche Abreise von Johann Jakob, dem Bruder des Komponisten. Johann Jakob war Oboist, und er hatte beschlossen, in die Armee von Karl XII. am königlichen Hof von Schweden einzutreten. Das erste Stück des Capriccio ist von Melancholie geprägt. Es drückt die Zuneigung der Freunde aus, die eindringlich versuchen, Johann Jakob von der Reise abzuhalten.

EPISODE 2, Überfälle

2. Ist eine Vorstellung unterschiedlicher Casuum, die ihm in der Fremde könnten vorfallen.

Die zweite Episode anhören

Benjamin Alard erläutert, wie der junge Bach das Porträt seines Bruders, der auf seiner Reise mit Überfällen rechnen muss, musikalisch darstellt. Die Entscheidung, das Werk auf der Orgel zu interpretieren, zeigt gerade in diesem Stück, wie sehr dadurch die Musik an Intensität und Charakter gewinnt. Das bringt Benjamin Alard hier an der Orgel der Kirche Sainte-Aurélie in Straßburg zum Ausdruck – sie stammt von Andreas Silbermann und wurde von Quentin Blumenroeder restauriert.

EPISODE 3, Lamento Adagiosissimo

3. Adagiosissimo.

Ist ein allgemeines Lamento der Freunde.

Die dritte Episode anhören

Das Lamento steht in der traurig und trostlos anmutenden Tonart f-Moll. Sein Ostinato-Bass ist typisch für die italienischen Lamentos, die auch in düsteren, dramatischen oder von Klagen geprägten Szenen der Opern vorkommen. Bach hat hier eine Tonart gewählt, die einen weinen macht und den Schmerz über den Abschied vom geliebten Bruder ausdrückt. Es findet sich hier auch eine Passage ohne strenges Zeitmaß: Nach dem Lamento stellt ein Rezitativ eine Art Wendung und Aufhebung des Leidens dar. Alle haben geweint, doch schließlich wünscht man dem Bruder viel Glück! Es folgt eine schöne Kadenz in F-Dur – die Tonart der Einleitung der Aria del Postiglione .

EPISODE 4, Rezitativ: Die Wendung

4. Allhier kommen die Freunde, weil sie doch sehen, dass es anders nicht sein kann, und nehmen Abschied.

Die vierte Episode anhören

Der früh zum Waisen gewordene Bach hing sehr an seinen Brüdern (die ihn aufzogen), und das Stück zeigt, wie sehr Bach die Abreise des Bruders als einen Verlust empfand – es kommt einem vor wie eine innerlich erlebte biblische Geschichte.

Die Wendung zeigt, wie Bach und seine Freunde (die von überall herkamen, um Abschied zu nehmen) schließlich ihren Schmerz überwinden, sich mit der unvermeidlichen Abreise abfinden und freundlich und mit guten Wünschen Abschied nehmen. Nach dem von Anspannung geprägten Lamento endet dieses Stück, das in die Aria del Postiglione überleitet, mit einem sehr schönen, konsonanten Akkord in A-Dur, der eine beruhigende Wirkung hat.

EPISODE 5, Aria del Postiglione und Abschluß

5. & 6. Allegro poco,

Aria del Postiglione & Fuga all’imitazione di Posta.

Die fünfte Episode anhören

Benjamin Alard beschreibt, wie die Musik von Bach, und insbesondere dieses Capriccio, beim Interpreten auf konkrete Weise einen Eindruck hinterlässt: ein physisches Erlebnis, das diese Tonsprache ganz und gar fühlbar macht…